Service
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Quellen und Literatur:
Baumann, Wilfried: Katalog der Stiftung
Baumann, PDF-Version, Rotabene Data
Service, Rothenburg ob der Tauber 2011
Bischoff, Bernhard: Paläographie des
römischen Altertums und des abend-
ländischen Mittelalters, 2. überarbei-
tete Auflage, Erich Schmidt, Berlin 1986
Giersiepen, Helga, Kottje, Raymund:
Inschriften bis 1300. Probleme und Auf-
gaben ihrer Erforschung; Referate der
Fachtagung für mittelalterliche und
frühneuzeitliche Epigraphik, Westdeut-
scher Verlag, Bonn 1995
Lexikon des Mittelalters (LexMa), 9 Bän-
de, Artemis-Verlag, ab Band 5. Artemis
und Winkler, ab Band 7. Lexma-Verlag,
München 1980–1998
Rudland-Psalter, Add MS 62925, Digi-
talisierung der British Library,
Sturm, Heribert: Unsere Schrift; Einfüh-
rung in die Entwicklung ihrer Stilfor-
men, Degener & Co., Neustadt an der
Aisch 1961
nungspunkt auf halber Zeilenhöhe ge-
setzt. Nach jeder zusammengehörigen
Formel ist ein Trennungsstrich gra-
viert, wodurch die einzelnen Formeln
visuell gut zu erkennen und vonein-
ander zu unterscheiden sind. Es finden
sich keine Anfangs- und Schlusskreu-
ze, wie bei der vorher besprochenen In-
schrift gesehen. Die Inschriften lauten:
Klingenseite a) PRO
FIDE
ET
PATRIA
- PRO
CHRISTO
ET
PATRIA - IN-
TER
ARMA
SILENT
LEGES - SOLI
DEO
GLORIA; Übersetzung: Für Ehre und
Vaterland - Für Christus und Vaterland
– Unter Waffen schweigen die Gesetze -
Gott allein die Ehre.
Klingenseite b) PUGNA
PRO
PATRIA -
PRO
ARIS
ET
FOCIS - NEC
TEMERE
NEC
TIMIDE - FIDE
SED
CUI
VIDE; Überset-
zung: Kämpfe für das Vaterland - Für
Haus und Hof - Weder planlos noch
furchtsam - Trau schau
wem.
Betrachtet man nun
diese acht aufgebrachten
Formeln, fällt auf, dass
nur zwei in einem reli-
giösen Bezug stehen. Die
anderen Formeln sollen den persönli-
chen Mut, das persönliche Handeln, die
Verschränkung mit Haus und Hof, die
Ehre und den Bezug zum Vaterland/der
Heimat beschwören.
Interessant ist der Terminus „Patria“,
der auch mit Heimat oder Heimatstadt
übersetzt werden kann. Es wird nun
also dezidiert das Heim-Haus undHof -
und/oder das heimatliche Land in die
Inschrift aufgenommen. Der reine und
tiefreligiöse Bezug, der bei der vorheri-
gen Inschrift herausgearbeitet wurde,
ist nun nicht mehr vorhanden. Ganz
deutlich liegt die Gewichtung nicht
mehr auf der Religion oder der Fröm-
migkeit. In dieser Inschrift schwingt
dezidiert der Zeitgeist mit, welcher
in der Entstehungszeit dieser Waffe
vorherrschte.
Die Formel „Unter Waffen schweigen
die Gesetze“ ist hier besonders präg-
nant, entstand die Inschrift doch nach
den Bauernkriegen und während der
Hochzeit der reformatorischen Unru-
hen in Deutschland.
Die Intention für die Schaffung einer
solchen Inschrift mag zum einen im
Kontext reformatorischer Vorgänge zu
finden sein, zum anderen verdeutlicht
diese Inschrift auch eine zunehmen-
de Bildung der Laien, die in dieser Zeit
sehr weit vorangeschritten war. Denn
dieses Realstück, und das ist ebenfalls
von Bedeutung, ist keine rein ritterliche
Waffe mehr. Zu dessen Entstehungszeit
führte auch der reiche Kaufmann, der
gebildete Scholar, der hohe Hofbeamte
entsprechende Stücke.
Ein Fazit.
Der Exkurs über zwei Jahr-
hunderte, bei dem für jedes Jahrhun-
dert eine Inschrift einer zeitgenössi-
schen Blankwaffe exemplifizierend
untersucht wurde, ließ einige aussa-
gekräftige Erkenntnisse zu. Es handelt
sich freilich um Waffen, welche nicht
unbedingt im Blick der epigrafischen
Forschung liegen und aufgrund des
Werkstoffes heute nicht mehr in großer
Zahl erhalten sind - dies im Gegensatz
zu Schriftträgern aus Stein oder Edel-
metall. Doch als Träger alteuropäischer
Schriftkultur sind diese Stücke beson-
ders aussagekräftig und wertvoll.
Warum dies? Der Pergament-Kodex
wurde unter monastischem Einfluss
verfasst, vielleicht einem
Herrscher oder hohen
Würdenträger geschenkt.
Im gleichen Rahmen ent-
standen Stundenbücher
oder Psalter, ihre Besitzer
waren ebenfalls Ange-
hörige des oberen Bereichs der „Stän-
depyramide“. Mit dem Buchdruck ging
eine Medienrevolution einher, das ge-
druckte Buch wurde zum Massenmedi-
um und fand sich nun auch in Händen
einer breiteren Bevölkerungsschicht.
Gleiches gilt überdies auch für den
Großteil der überkommenen Inschrif-
ten auf liturgischem Gerät, auf Stand-
bildern oder den Torbögen von kirchli-
chen Bauwerken.
Zusammenfassend zeigt sich bei all
diesen Situationen immer eine Rich-
tung im Vorgehen: Das Schriftstück
wurde von befähigten Personen, ent-
weder Mönchen oder aber Buchdru-
ckern, geschaffen und gelangte dann in
die Hände der „Endverbraucher“. Oder
aber das liturgische Gerät wurde auf
Weisung eines Mönches mit einer pas-
senden Inschrift versehen. Wir müssen
gerade beim Aspekt Bücher unterstel-
len, dass die Endverbraucher mehr oder
weniger deren Inhalt erfassen - also
lesen - konnten.
Durch die Inschriften auf Blank-
waffen lässt sich diese oben beschrie-
bene singulare Richtung aufbrechen.
Denn die Inschrift einer Blankwaffe
musste absichtlich initiiert werden.
Hierzu musste der Besitzer einen Auf-
trag erteilen, musste also wissen, was
er wollte. Und hierzu musste er eben
entweder Inhalte der Heiligen Schrift
oder Psalmen kennen, oder aber über
eine allgemeine Bildung verfügen, um
den Zeitgeist und seine Vorstellung zu
Papier - auf Metall - zu bringen. Ge-
nau dies ist bei den zwei Inschriften zu
unterstellen.
Betrachtet man einen Psalter, kann
man nur vermuten, ob sein zeitgenös-
sischer Besitzer in der Lage war, den
Inhalt lesen/verstehen zu können. Ver-
schränkt man den Text des Psalters mit
der Inschrift des Nierendolches, lässt
sich diese Vermutung doch deutlich
konkretisieren und erhärten.
Kritischerweise muss man fragen,
ob nun nicht jede Blankwaffe des be-
trachteten Zeitraums mit einer In-
schrift versehen wurde, dies also
einfach „Mode“ war. Dies kann man
jedoch eindeutig verneinen.
Die Regel, und das gilt für den be-
trachteten Zeitraum insgesamt, sind
unbeschriftete Blankwaffen. Eine In-
schrift auf einer Blankwaffe stellte im-
mer etwas Besonderes dar.
Es lag eine beabsichtigte Handlung
des damaligen Besitzers zugrunde, der
die beschriftete Waffe eben nicht, sa-
lopp formuliert, von der Stange kaufen
konnte. Dies ist der besondere Erkennt-
niswert von Inschriften auf Blankwaf-
fen als deren Träger.
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Der Autor dankt Dr. Hellmuth Möhring vom
Reichsstadtmuseum Rothenburg herzlich
für die Unterstützung.
Inschriften
wurden bewusst
und absichtlich
initiiert
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sammeln
08/2016
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KOSTENLOSES
PREVIEW
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