ob der Tauber befinden und dort Teil der
umfangreichen Sammlung Baumann
sind. Die Waffensammlung Baumann
stellt seit 1999 einen integralen Be-
standteil des Reichsstadtmuseums dar.
Mit dem Stiftungsvertrag hat der Stif-
ter, Hermann Baumann aus Rothen-
burg ob der Tauber, festgelegt, dass
eine Stiftung öffentlichen Rechts ein-
gerichtet und unterhalten werden soll.
Dadurch war es letztlich möglich, die
umfangreiche und kulturhistorisch be-
deutsame Sammlung der Öffentlichkeit
zugänglich zu machen.
Die annähernd 1000 Objekte um-
fassende Sammlung beinhaltet haupt-
sächlich Kriegs- und Jagdwaffen von
der Steinzeit bis zum 19. Jahrhundert
in außergewöhnlicher Qualität. Höhe
punkte sind beispielsweise das Jag-
densemble der französischen Königin
Marie Antoinette, das Jagdgewehr mit
Säbel von Jérôme Napoleon oder der
Duellpistolenkasten des Fürsten Kle-
menz von Metternich. Neben der Waf-
fensammlung werden aber auch noch
Fayencen gezeigt, deren Auswahl sich
mit der größerer Museen durchaus
messen kann. Der Interessierte kann
sich anhand der umfassenden und the-
matisch sehr breiten Aufstellung einen
fantastischen Einblick in kulturhisto-
risch bedeutende Epochen verschaffen.
Ein Nierendolch um 1400 bis 1450, Ver
salieninschrift.
Mit der Betrachtung
dieses Realstücks soll nun die Untersu-
chung der Realien beginnen. Vorab ei-
nige Worte zur Klassifikation des Real-
stücks. Der Terminus Nierendolch geht
auf die Gestaltung des Gefäßes zurück,
welches am unteren Ende, wo beim
Schwert eigentlich die Parierstange
sitzt, zwei knollenartige Verdickungen
aufweist. Die Griffhülse ist in der Regel
aus Holz und der Knauf als diskusar-
tige Scheibe ausgeführt. Der Nieren-
dolch war - neben dem Schwert - eine
ritterliche Waffe, welche vorwiegend
im Handgemenge eingesetzt wurde.
Er diente zum Stich in die Lücken der
Rüstung, wozu die Klinge oftmals einen
vierkantigen Querschnitt bekam und
an der Spitze verstärkt wurde.
Eine solche Klinge zeigt auch das
betrachtete Realstück. Der Dolch ist
von hervorragender Qualität und weist
einen großen Detailreichtum auf. Das
bestärkt die Annahme,
dass das Stück für einen
Angehörigen des höheren
Adels gefertigt wurde.
Auf der Knaufscheibe
des Nierendolches be-
findet sich eine aus vier
vollständig ausgeschriebenen Worten
bestehende Inschrift, die im Detailbild
deutlich zu erkennen ist. Die eigentlich
als Umschrift ausgeführte lateinische
Inschrift lautet: „☩
DEXTERA * DOMI-
NI * FECIT * VIRTUTEM“. Die Inschrift
beginnt mit einem Anfangskreuz, die
einzelnen Wörter sind mit jeweils ei-
nen „*“ in Zeilenmitte getrennt. Als
Schrifttype wurde eine reine Kapitalis
angewandt, wodurch die Inschrift auch
heute noch sehr gut lesbar ist. Weil der
Schriftträger im vorliegenden Fall aus
Messing ist, wurde keine Tauschie-
rung verwendet, sondern die Buch-
staben lediglich graviert. Der Zugang
zur Ergründung der Bedeutung dieser
Inschrift ist, aufgrund der vollständig
ausgeführten Wörter ohne sichtliche
Kürzungen sehr ergiebig.
Übersetzt bedeutet die Inschrift:
„Die Rechte des Herrn bewirkte Güte;
Kraft; Vorzüglichkeit; Tüchtigkeit u.
dgl.“. Das stellt einen theologischen
Bezug her. Die Verwendung des Kreuz-
Symbols zu Beginn der Inschrift un-
termauert diesen gegebenen religiösen
Bezug. Vergleichbare Kreuzeinfassun-
gen finden sich auch bei Inschriften
auf liturgischen Objekten, Standbil-
dern oder aber in den Bogenfeldern der
Portale von Kirchen. Die mit Anfangs-
und/oder Schlusskreuzen versehenen
Schwertinschriften in einen religiö-
sen Kontext zu stellen ist also, gerade
in Verschränkung mit den genannten
zeitgenössischen und dezidiert religi-
ösen Inschriften, eine durchaus plau
sible Annahme.
In diesem Kontext ist die aufge-
brachte Inschrift zu betrachten. Für
eine stimmige Verortung wurden ver-
gleichend religiöse Schriftstücke be-
trachtet, die einem Ritter um 1400 zu-
gänglich gewesen sein
dürften. Vorrangig dürfte
es sich hier um Kompila-
tionen von Bibelstellen,
Psalter oder Stundenbü-
cher gehandelt haben.
Der Psalter stellte eine
Sammlung der 150 Psalmen des Alten
Testaments dar, das Stundenbuch galt
als typisches Gebetsbuch der Laien.
Je nach Vermögen des Auftraggebers
konnten diese Bücher sehr umfang-
reich ausfallen und mit reichhaltigen
Illustrationen versehen sein, was auch
die kunstvolle Gestaltung von Initialien
beinhaltet. Im Rahmen dieser genann-
ten Bücher dürfte also die Inschriften-
zeile ihren Ursprung haben.
Die Sachlage lässt sich am kon-
kreten Beispiel jedoch noch weiter
konkretisieren, denn der vollständig
ausgeschriebene Satz bietet eine ide-
ale Grundlage für eine vergleichende
Nachforschung. Hier wurde zuerst bei
besagten Psalmen angesetzt, konkret
also die 150 Psalmen in zeitgenös-
sischen Abschriften aus Deckungs-
gleichheit überprüft. Der Psalm 117:16
ließ dann auch berechtigte Hoffnungen
zu. Zur Sicherung der Spur wurde eine
in etwa zeitgenössische Quelle zum Ab-
gleich herangezogen, nämlich der so-
genannte Rutland-Psalter, entstanden
um circa 1260, der heute in der British
Nierendolch um
1400 bis 1450 mit
religiöser
Psalm-Inschrift
Oben:
Die Klinge des untersuchten Degens
mit deutlich erkennbarer Inschrift in der
Hohlkehle. Diese ist gut leserlich und deut
lich ausgeführt.
Links:
Szene aus dem Weißkunig, einer der
beiden autobiografischen Veröffentlichun
gen Kaiser Maximilians.
Unten: Die andere Klingenseite des Degens,
auch hier wird die Inschrift in der gleichen
Deutlichkeit weitergeführt.
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08/2016
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