DWJ 2016-08 - page 90

Munition an. Damit der Ideenklau nicht
gar so offensichtlich wurde, luden Smith
und Wesson die Flobert-Hülse zusätzlich
mit etwas Schwarzpulver. Außerdem in-
stallierten sie – das war der listige Einfall
von Daniel B. Wesson – zwischen Ladung
und Zündsatz eine als Amboss fungieren-
de perforierte Metallscheibe. Das Ganze
wurde à la Flobert von einer Rundkugel
gekrönt. Auf diese „Erfindung“ erhielten
sie am 8. August 1854 das US-Patent №
mit
der Nummer 11496.
In der Praxis funktioniert das „selbst
erfundene“ Zündsystem nur sehr un-
zulänglich. Daher verzichteten Smith
und Wesson auf alle Um-
gehungsversuche
des
französischen
Patents
und verlängerten ledig-
lich die Hülse mit Flo-
berts Randzündung von 7
auf rund 10 mm. Sie gaben einfach die
Randzündung (Zündsatz im Hohlrand)
als ihre eigene Entwicklung aus. Am 17.
April 1860 bestätigte das US-Patentamt
ihre Rechte. Vollmundig tauften die
Gentlemen-Erfinder das Produkt „.22"
1 Pistol Cartridge“. Aus dieser Muni­tion
ging letztlich die ganze Armada der
Randfeuerpatronen Kaliber .22" hervor,
so etwa .22 short; .22 long; .22 long rifle
und .22 Xtra long rifle.
Mit dieser S&W-Variante, kaum ge-
ändert noch heute unter dem Namen „.22
short rimfire“ hergestellt und sehr ge-
bräuchlich, begann weltweit die Epoche
der kommerziell außerordentlich erfolg-
reichen Randfeuermunition. Dass sich die
von ihnen abgekupferte Muni­tion rasch
zur meistproduzierten und –gebrauch-
ten entwickelte, ahnten sie selbst wahr-
scheinlich im Geringsten.
Während der 1860er-Jahre führten
praktisch sämtliche Industriestaa-
ten bei ihren Streitkräf-
ten Metallpatronen mit
Randzündung ein und
entthronten erst kurz
zuvor adaptierte Muniti-
onen, so etwa Dänemark,
Schweden, Norwegen, Österreich und
die Schweiz. Frankreich und Preußen
entschieden sich merkwürdigerweise
für das Prinzip der Nadelzündung. Im
Amerikanischen Bürgerkrieg wurde
Randfeuermunition von beiden Par­
teien in großem Umfang eingesetzt und
löste damit das Gros der Munitionen
aller anderen Konstruktionen ab. Sogar
das als sehr tödlich und als Gatling Gun
bekannte Revolver-Maschinengewehr
Kaliber .58" wurde auf eine spezielle
Patrone umgerüstet.
Für Sammler ist der Sektor „Rand-
feuermunition“ ein riesiges Betäti-
gungsfeld. Bereits die Flobert-Patronen
unterschiedlicher Kaliber und Ausfüh-
rungen, auch heute noch in einigen
südeuropäischen Ländern produziert,
bieten zu recht erfreulichen Preisen
ein nicht enden wollendes Vergnügen.
Beim Erwerb der großkalibrigen Sorten
müssen ambitionierte Sammler aller-
dings ihr Portemonnaie beträchtlich
strapazieren. 100 Euro für eine gut er-
haltene 18 mm Milbank-Amsler sind
keine Kleinigkeit, aber selbst unter gu-
ten Freunden fällig. Eine sehr seltene
originalgeschlossene Zehnerpackung
(1861, Thun) wechselte vor geraumer
Zeit für 2100 Euro den Besitzer. Die
Preise für schweizerische Wachpatro-
nen oder Übungsmunition dieses Kali-
bers erweisen sich für „normale“ Geld-
börsen meist als Schocker.
4
z 
Spencer-Patronen von links: .56–56, .56–52,
.56–50 und .56–46. Beachte die damals bei
Metallhülsen ungebräuchliche Schulter.
u 
.56–50 Spencer von links: Gefechtspatro-
ne, drei „Guard Load“ genannte Wachpa­
tronen, Blank (Übungspatrone).
w 
Laborierungen der Milbank-Amsler-
Munition im Kaliber 18 mm von links:
Gefechtspatrone, Wachpatrone (Posten-
schrot), Übungspatrone.
e 
Laborierungen der k.u.k.-Munition im
Kaliber 14 mm Wänzel als Gefechts- und
Übungspatrone (rechts).
r 
Randfeuergenerationen: Neben der
18-mm-Milbank-Amsler aus dem Jahr
1861 nimmt sich die moderne Patrone
.17" Mach-2 von Hornady doch „etwas“
zwergenhaft aus.
t 
Im Amerikanischen Bürgerkrieg in gro-
ßem Umfang eingesetzt: die .58" Gatling
mit Randzündung.
w
e
r
t
z
u
Smith und Wesson
kupfern ab und
werden erfolgreich
90
Frühe Patronenentwicklungen
Randfeuerpatronen
Das Magazin für Waffenbesitzer
sammeln
+++
++++++
+++DWJ+++
KOSTENLOSES
PREVIEW
+++ DWJ+++
++++++
+++
1...,80,81,82,83,84,85,86,87,88,89 91,92,93,94,95,96,97,98,99,100,...148
Powered by FlippingBook