Fun & Action

von Timo Lechner

Zwei Fliegen, eine Klappe

Während es den Schießsport-Profis hauptsächlich auf die Leistungsfähigkeit ihrer High-Tech-Geräte ankommt,
bevorzugen die Breitensportler in der Regel gu?nstige Waffen, die auch als solche erkennbar
sind. Genau diese Klientel bedient die Firma Ruger mit ihrem neuen Pistolenmodell SR22.

Wenn ein Waffenhersteller von seinen großkalibrigen Pistolen auch nahezu baugleiche Kleinkaliber-Versionen anbietet, schlägt er damit gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Er bietet den Waffenträgern alternativ zum Kleinkaliber-Wechselsystem für die Großen die Möglichkeit, äußerst günstig und damit auch häufig mit Modellen zu trainieren, die hinsichtlich des Handlings kaum von ihren großkalibrigen Schwestermodellen abweichen. Zudem offeriert er gleichzeitig den weniger leistungsorientierten Schützen ein preisgünstiges Sport- und Spaßgerät nach deren Vorstellungen (im angelsächsischen Raum als Übungswaffen für Einsteiger oder zum Schießen just for fun in der Freizeit schlicht „plinking guns“ genannt), weil das Teil noch wie eine gewöhnliche Gebrauchswaffe aussieht. Rugers neuester Pistolen-Beitrag zum Thema kurzweilige Freizeitgestaltung heißt SR22.


Die Waffe. Beim Neuling aus dem renommierten Hause Ruger handelt es sich um eine leichte und kompakte Kleinkaliberpistole im Design moderner Selbstladepistolen. In das schmale, aus schlagfestem Polymer bestehende Griffstück integrierten die Konstrukteure vor dem Abzugsbügel eine Picatinny-Schiene. Der aus einer Aluminiumlegierung gefertigte Schlitten mit Riffelungen vorn und hinten wurde schwarz anodisiert. Mit ihrem immerhin zehn Patronen fassenden Magazin, ihrer Gesamtlänge von knapp 163 mm, einer Höhe von ungefähr 124 mm, einer Breite von 33 mm, einem Leergewicht inklusive Munitionsbehälter von 497 g und einer Lauflänge von
89 mm (3,5") fügt sich die Ruger SR22 unauffällig in die Reihe gängiger Kompaktpistolen ein.


Das Kaliber. Wer besonders im sogenannten Just-for-Fun-Bereich so günstig wie möglich mit scharfen Waffen schießen möchte, kommt am weltweit verbreiteten Kaliber .22 l.r. wohl nur schwerlich vorbei. Bei der Selbstverteidigung spielt das kleine Kaliber aufgrund seiner marginalen Leistung allerdings eine nur untergeordnete Rolle. Und in der Sportschützenwelt dient die legendäre Kleinkaliberpatrone, von der pro Jahr mehrere Milliarden Stück verschiedenster Fabrikate und Laborierungen produziert werden, vielen Einsteigern als Sprungbrett in das Großkaliberschießen oder ist die bevorzugte Munition für die Matchwaffen in den unterschiedlichen Disziplinen bis hin zu den Olympiasportarten.
Durch Großeinkauf und Sonderangebote muss man oft selbst für eine 50er-Packung Markenmunition nur etwas über 2 Euro ausgeben, bei den hochpräzisen Spitzensorten à la Eley Tenex und Co. kann die gleiche Menge auch mal deutlich über 10 Euro kosten.


Die Verarbeitung. Schon rein äußerlich macht die Ruger SR22 einen durchaus vielversprechenden Eindruck. Besonders unter Berücksichtigung des noch recht moderaten Preises von 449 Euro (empfohlener Verkaufspreis des Importeurs) vereinigen sich die mehr als nur akzeptablen Passungen mit den durchweg tadellosen Oberflächen ohne erkennbare Grate und Werkzeugspuren sowie der vorbildlich gleichmäßigen Beschichtung des Schlittens.
Auch das Innenprofil des außen blank polierten, im Übrigen einfach austauschbaren Stainless-Laufes glänzt wie ein Spiegel und lässt keinerlei Bearbeitungsspuren erkennen. Dieser positive Eindruck setzt sich an den nicht sichtbaren Stellen im Innern der Pistole fort. Daran könnten sich einige der zum Teil wesentlich teureren Konkurrenzmodelle durchaus ein Beispiel nehmen.


Der Aufbau. Ein Stahleinsatz im hinteren Bereich der Schlitteninnenseite nimmt bei der SR22 den Auszieher, den Zündstift und dessen Sicherung auf, während der im schlagfesten, mattschwarzen Polymergriff­stück eingelassene Stahlhilfsrahmen der Abzugseinheit dem Ringhahn und weiteren Teilen als Montageplattform dient.
Die Ausstattung. Nur wenige Hersteller berücksichtigen Linkshänder, die immerhin mindestens 10?% bis 15?% aller Schützen ausmachen, der bekannt innovative US-Hersteller Ruger gehört jedoch dazu. Sowohl der handhabungsgerecht im Griffstück platzierte Entspannhebel als auch der dort hinter dem Abzugsbügel sitzende Magazinhalteknopf sind beidseitig bedienbar. Vor dem Abzugsbügel – ebenfalls ergonomisch korrekt platziert – sitzt wiederum nur links der kleine, etwas schwergängige Schlittenfanghebel, mit dem der Verschluss wieder nach vorne gelassen werden kann. Denn der bleibt lobenswerterweise nach dem letzten Schuss offen, also in hinterster Position stehen.
Die praxisorientierten Konstrukteure des nordamerikanischen Waffengiganten hatten schon seit der Unternehmensgründung im Jahre 1949 ein überaus gutes Gespür für die Nöte und Wünsche der Schützen. Sie entwickeln ihre Waffen seit jeher gemäß dem Motto „Funktionalität und Flexibilität sind Trumpf“, und der anhaltende Markterfolg gibt ihnen Recht.


Die kleine Ruger SR22 ist mit zwei hinten winkelförmig quer und vorne beidseitig gestreift geriffelten, ohne Werkzeug austauschbaren Griffelementen ausgestattet – einem recht schmalen für zarte (Frauen-)Hände und einem breiteren, das die großen Handballen gestandener Männer etwas besser ausfüllt.
Die bereits montierten Standard-Magazinböden lassen sich einfach gegen zwei zusätzlich der Waffe beiliegende Exemplare mit leicht vergrößertem Frontsporn austauschen, die dem kleinen Finger der Schusshand etwas mehr Anlagefläche bieten, beim Magazinwechsel besser zu greifen sind und so die Pistole auch wieder schneller feuerbereit machen.


Dank der international bewährten, multifunktionalen Dockingstation an der Unterseite des Griffstücks vor dem Abzugsbügel in Form einer Picatinny-Schiene können und vor allem dürfen – zumindest Berechtigte – auch kinderleicht und schnell sämtliches am Markt erhältliches Zubehör vom simplen Zusatzgewicht über kleine Lampen bis hin zu Laserzielhilfen montieren.


Gerade an den unscheinbaren, aber deshalb nicht weniger wichtigen Kleinigkeiten zeigt sich, ob eine Waffe aus der Praxis für die Praxis konstruiert wurde. Durch den rechts am Magazinkörper angebrachten, griffigen Kunststoffschieber lassen sich die Magazine schnell und sicher auffüllen, ohne dabei abgebrochene Fingernägel oder verletzte Daumen riskieren zu müssen.


Die Verschlussfeder läuft auf einer Führungsstange aus Polymer, kann daher kaum verwinden und nimmt die durch den Schlittenrücklauf nach dem Schuss entstehenden (Impuls-)Kräfte geradlinig auf. Das wiederum minimiert die Störanfälligkeit der Pistole während des Schießens.
Durch ein kleines Sichtfenster an der Oberseite des Patronenlagers lässt sich sogar bei geschlossener Waffe der Ladezustand kontrollieren. Und last but not least lässt sich die Pistole mithilfe eines massiven Bügelschlosses, welches zum Lieferumfang der Ruger SR22 gehört, gegen unberechtigte Benutzung sichern.
Die Abzugseinrichtung. Wie bei den gängigen Single-Action-/Double-Action-Abzugsmodulen üblich, wird der erste Schuss auch bei der Ruger SR22 im Dou­ble-Action-Modus (DA), also mit Spannabzug ausgelöst, während die restlichen Schüsse im Sin­gle-Action-Modus (SA) abgefeuert werden, weil ja der Hahn durch den zurücklaufenden Schlitten bereits gespannt wurde. Der Schütze kann natürlich den griffigen Ringhahn auch vor dem ersten Schuss spannen und bereits diesen in Sin­gle-Action-Manier abgeben, wenn er das möchte und die Situation ihm dazu genügend Zeit lässt.


In Anbetracht der Preisklasse und des Waffentyps gibt es hier von der Charakteristik her kaum Anlass zur Kritik. Mit einem Auslösewiderstand von 1860 g im Single-Action- und 3493 g im Double-Action-Modus (Durchschnittswert aus jeweils drei Messungen mit Lyman Electronic Digital Trigger Pull Gauge) und 8 mm sowie 22 mm Vorzug bis zu den jeweiligen Druckpunkten liegen die Werte im gewohnten Bereich. Unabhängig vom Modus fällt das Züngel nach dem Auslösen nur minimal durch.


Die Sicherung. Die beidseitigen (englisch: ambidextrous) Sicherungsflügel sind als Entspannhebel ausgelegt, das heißt die Waffe kann nicht gespannt und gesichert (cocked and locked), sondern entweder ungesichert gespannt (auf gar keinen Fall zu empfehlen!) oder mit abgeschlagenem Hahn geführt werden. Sobald man einen der Flügel nach unten drückt, schlägt der Hahn ab und der Abzug ist außer Funktion. Schiebt man den Hebel wieder nach oben, wird beidseitig eine rote Markierung sichtbar und die Pistole ist über den Double-Action-Modus sofort wieder feuerbereit. Zudem verfügt die Kleinkaliberpistole über eine interne Zündstift- sowie eine Magazinsicherung, welche dafür sorgt, dass sich die Waffe nur mit eingesetztem Patronenbehälter abfeuern lässt, weil ansonsten der Abzug außer Funktion gesetzt wird.


Die Visierung. Die für eine Waffe dieser Preisklasse ungewöhnlich aufwendige Visiereinrichtung demonstriert eindrücklich, dass Ruger die kleine SR22 keinesfalls als Billigprodukt für Sparfüchse, sondern als ernstzunehmende (Übungs-)Pistole verstanden wissen will. Die im Schwalbenschwanz geführte, als Microvisier (!) ausgelegte Kimme lässt sich in Höhe und Seite verstellen, das ebenso befestigte Korn zumindest seitlich in beide Richtungen verschieben.
Bei zu hoch liegenden Treffern dreht man die Schraube oben aus Schützensicht im Uhrzeigersinn und umgekehrt. Durch die Schraube rechts der Kimme erfolgt die Seitenkorrektur, mit der Uhr gedreht wandern die Treffer nach links, andersherum verschieben sich die Gruppen nach rechts.


Drei weiße Punkte, zwei auf dem gegen ein schwarzes Exemplar auswechselbaren Kimmenblatt und einer auf dem Rampenkorn, erleichtern auch bei ungünstigen Lichtverhältnissen die schnelle Zielerfassung.
Demontage. Das Zerlegen der Ruger SR22 geht schnell und ist sehr einfach: Nach dem Sichern (die rote Markierung auf beiden Seiten ist verdeckt) arretiert man den Schlitten in hinterster Position und überprüft das Patronenlager. Anschließend schwenkt man den flachen, oben im Abzugsbügel vor dem Züngel sitzenden Hebel nach unten und zieht den Schlitten bis zum Anschlag nach hinten. Jetzt lässt er sich schräg nach oben kippen und nach vorne vom Griff­stück abziehen. Anschließend kann die Verschlussfeder samt Führungsstange entnommen werden.
Dieser Zerlegestatus genügt bereits vollkommen, um die Pistole nach dem Schießen gründlich reinigen zu können. Die weitergehende Demontage sollte dann allerdings einem Fachmann vorbehalten bleiben.
Sollte einmal ein Laufwechsel gewünscht oder erforderlich sein, lässt sich auch das leicht bewerkstelligen. Dazu löst man mithilfe eines passenden Innensechskantschlüssels die in der Aussparung direkt vor dem Abzug sitzende Schraube, hebt das Rohr aus dem Griff­stück und setzt gegebenenfalls einen anderen Lauf ein.


Die Montage der Waffe erfolgt schließlich logischerweise in exakt umgekehrter Reihenfolge, nur dass dabei zunächst der Entspannhebel nach oben in die Feuerposition (rote Markierung wird sichtbar) geschwenkt werden muss. Das Griffpaneel lässt sich nach dem Entfernen des Magazins abziehen, indem man die Pistole am vorderen Bereich fasst und mit der anderen Hand die „Schacht­ummantelung“ mit einer leicht kreisbogenförmigen Bewegung vom Griffschacht zieht, um sie gegen das jeweils andere Exemplar auszutauschen.


Laden und Schießen. Ruger wirbt ausdrücklich damit, dass sein Modell SR22 nicht – wie bei Pistolen dieses Typs oft üblich – nur mit impulsstarken HV-Pa­tronen (High Velocity), sondern auch mit (nahezu) allen Standard-Laborierungen klaglos funktionieren und dabei noch passabel treffen soll.


Auf dem Schießstand schlug dann die Stunde der Wahrheit. Geschossen wurde die SR22 sitzend aufgelegt und wie für Kompakt- und Taschenpistolen dieses Typs üblich auf die Distanz von 15 m.
Beim Praxistest kamen vier Munitionssorten unterschiedlicher Fabrikate mit Standard- und HV-Laborierungen zum Einsatz (siehe Tabelle auf der gegenüberliegenden Seite). Um vorab die Funktionssicherheit zu überprüfen, wurden ohne Wertung auch einige bunt gemischt geladene Magazinfüllungen abgefeuert. Dabei traten erfreulicherweise keinerlei Zuführ- oder Auswurfstörungen auf. Die kleine Ruger-Pistole verschoss den Patronenmix lehrbuchmäßig problemlos und der Rückstoß war zu vernachlässigen, sodass das Schießen zum kurzweiligen Vergnügen wurde.
Der eigentliche Präzisionstest lief dann natürlich sortenbereinigt ab, um zu sehen, mit welcher Laborierung die Ruger SR22 besonders gut oder eben auch schlecht harmonierte. Die hervorragende Visierung erleichterte das Zielen ungemein und trug entscheidend dazu bei, die gute Basispräzision der Waffe auch auf die Scheibe umzusetzen.
Dank der beidseitigen Bedienelemente lässt sich die Kleinkaliberpistole auch von Linkshändern (der Autor gehört dazu) oder mit der jeweils schussschwächeren Hand sicher handhaben, ohne dabei umgreifen zu müssen.
Im Einzelnen konnten folgende Resultate erzielt werden: Mit 34 mm Streukreis führte ausgerechnet die Munitionssorte Geco Rifle, eine eigentlich für Büchsen vorgesehene Patrone, das Testfeld an. Dicht darauf folgte die Sorte Schönebeck Standard Plus mit einem Streukreis von 39 mm. Der CCI Target reichten durchschnittliche 43 mm für den dritten Platz und selbst die Federal Champion hielt mit 48 mm Streukreis noch locker die Zehn der Sportpistolenscheibe (Durchmesser 50 mm).
Damit genügt die Ruger SR22 den an sie gestellten Anforderungen als Trainings- und Freizeitwaffe bei Weitem, zumal der nordamerikanische Hersteller ankündigt, in Kürze auch längere Läufe für die Kleinkaliberpistole zu fertigen, und mit anderen Munitionssorten deren Trefferleistung sicherlich auch noch verbessert werden kann.

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